Ein Kommentar von Thomas Bretschneider, Vorstand Martinsclub Bremen e. V.

Inklusion ist ein Menschenrecht. Die gesellschaftliche Beteiligung

von Menschen mit Beeinträchtigung ist verbrieft und nicht verhandelbar. Doch in der Corona-Zeit scheint dies nicht zu gelten. Gewisse Beschränkungen des täglichen Lebens, um das Coronavirus einzudämmen, sind wichtig und machen Sinn. Menschen mit Beeinträchtigungen sind von den gesellschaftlichen Restriktionen jedoch besonders hart getroffen. Sie haben den Stempel „Risikogruppe“ aufgedrückt bekommen. Der Schutz dieser Risikogruppen gilt als Maßgabe für alle Anordnungen.

Vieles lässt sich jedoch kaum noch nachvollziehen. Allerorten sollen Lockerungen die Rückkehr zur Normalität bewirken, aber Menschen mit Beeinträchtigung bleiben außen vor. Während Menschen aus verschiedenen Haushalten sich wieder untereinander besuchen dürfen, gelten für Bewohner betreuter Wohnformen strengere Regeln. Ihnen droht beim Verlassen ihrer Einrichtungen eine 14-tägige Quarantäne auf ihrem Zimmer. Zudem gibt es kein Konzept, um Schülern mit Beeinträchtigung ihr Grundrecht auf Bildung uneingeschränkt zu ermöglichen. Unklar ist auch, warum touristische Aktivitäten wieder möglich sind, Gruppenreisen behinderter Menschen jedoch verboten bleiben. Das sind nur einige Beispiele für die gegenwärtig stattfindende Diskriminierung. Auf welcher Rechtsgrundlage wird darüber entschieden, dass der Schutz eines Personenkreises wichtiger ist als dessen Freiheit und Selbstbestimmung?

Jeder politische Beschluss verlangt die Beteiligung der Betroffenen an der Entscheidungsfindung. Davon sind wir in der Corona-Krise meilenweit entfernt. Menschen mit Beeinträchtigung haben keinen politischen Einfluss, ihre Stimmen finden kein Gehör. Klar ist allerdings, wer in unserer Gesellschaft die Hosen anhat: Flugzeuge müssen fliegen, Autos vom Band laufen, Strände bevölkert werden und selbstverständlich muss der Fußball wieder rollen.

Natürlich halten wir geltendes Recht ein. Als Behindertenhilfeträger hat sich der Martinsclub aber dazu verpflichtet, unseren Klienten die maximale gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Dies ist derzeit nicht möglich. Wir fordern mehr denn je die Gleichberechtigung von Menschen mit Beeinträchtigung. Es kann nicht sein, dass eine ohnehin sozial benachteiligte Gruppe noch mehr unter den Auswirkungen der Corona-Krise zu leiden hat als der Rest der Bevölkerung. Inklusion ist ein nicht verhandelbares Menschenrecht. Und Menschenrechte gelten auch in schweren Zeiten.

Informationen zur Person:

Thomas Bretschneider ist Vorstand des Behindertenhilfeträgers Martinsclub Bremen e. V. In dieser Funktion setzt er sich seit vielen Jahren für die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigung ein.

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